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Mehr als zwölf Millionen Deutsche leiden jedes Jahr
an Heuschnupfen. Deshalb interessieren Start, Dauer und Intensität
der Pollensaison jeden leidgeprüften Allergiker zu Beginn
eines Jahres brennend. Ab wann und wie lange muss er leiden?
Dramatische Zunahme von Pollen und Sporenbelastungen
Prof. Dr. Thomas Fuchs, Präsident des Ärzteverbandes
Deutscher Allergologen (ÄDA): "Wir sind heute sicher,
dass es zwischen Pollenexposition und dem Auftreten von allergischem
Schnupfen eine eindeutige Dosis-Wirkungs-Beziehung gibt. Klar
ist auch, dass die Anzahl von Atemwegserkrankungen aufgrund
von Pollen und Sporenbelastungen in der Luft in den letzten
Jahrzehnten weltweit dramatisch zugenommen hat." Aber
wo liegen die Ursachen? Welche Bedeutung haben die veränderten
klimatischen Bedingungen?
Veränderungen der Pollensaison
Seit Jahren werden in den meisten europäischen Ländern
penibel Pollenflugkalender geführt und bei der EAN, dem
europäischen Pollenflug-Netzwerk, gesammelt. Wer oder
was blüht wann, wie lange und mit welcher Intensität?
Eine Arbeitsgruppe um Professor Siegfried Jäger vom Allgemeinen
Krankenhaus in Wien hat jetzt mehr als 20.000 Jahresberichte
der EAN aus den Jahren 1974 bis 2001 auf die Pollenflug-Aktivität
verschiedener Pflanzen hin untersucht. Fünfzehn Pollentypen,
darunter Früh- und Spätblüher, kultivierte
und wildwachsende Pflanzen und Bäume, wurden verglichen.

Die Verlängerung der Pollensaison und der Temperaturanstieg
in Europa verlaufen parallel (dargestellt am Beispiel Esche)
Start und Höhepunkt der Pollensaison haben sich bei
den Frühblühern wie Erle, Hasel, Weide und Ulme
um im Schnitt 20 Tage nach vorne geschoben. Dies gilt für
alle Pflanzengattungen, die normalerweise vor Ende April blühen.
Auch Heuschnupfenpatienten z. B. mit Allergien auf Roggen
oder Glaskraut, die früher erst Mitte bis Ende Mai mit
Niesattacken rechnen mussten, werden heute häufig schon
im April unangenehm überrascht.
Wer bereits früher im Jahr durch Pollenflug geplagt
wird, kann aber nicht unbedingt darauf hoffen, auch früher
wieder befreit atmen zu können. Allerdings sind hier
die Trends nicht so eindeutig und abhängig von Klimazonen.
Auf eine verlängerte Saison müssen sich generell
die Allergiker im Mittelmeerraum, an den Meeren und in den
Alpen einstellen. In Mitteleuropa, also auch in Deutschland,
gilt diese Verlängerung des Pollenfluges für Gräser
und Kräuter, aber auch für Bäume, die zwischen
März und Mai (Birken, Eichen, Buchen, Eschen, Platanen,
Linden) blühen. Bei Erle und Hasel, aber auch bei Weide
und Ulme konnte dieser Trend in den letzten Jahrzehnten nicht
gezeigt werden.
Höhere Pollenbelastung
Eine insgesamt höhere Pollenbelastung, gemessen durch
die Anzahl der Pollen pro Kubikmeter Luft, konnte insbesondere
bei den Pflanzen-Gattungen gezeigt werden, die zwischen Juni
und September blühen. Dazu zählen u. a. Gräser
und Getreide, aber auch Gänsefuß, Sauerampfer und
Spitzwegerich. Von dieser quantitativ höheren Belastung
wiederum besonders betroffen sind Alpenregionen in Österreich,
Frankreich und der Schweiz.
Veränderungen im ökologischen
Gefüge
Auch wenn es keinen endgültigen Beweis gibt, deutet
vieles daraufhin, dass die globale Erderwärmung in direktem
Zusammenhang mit den Veränderungen im europäischen
Pollenflugkalender steht. So konstatierte der holländische
Klimaforscher Prof. Marcel E. Visser auf dem ersten europäischen
Kongress für Phänologie (Entwicklung häufiger
Kultur- und Wildpflanzen im jahreszeitlichen Ablauf) in Wageningen:
"Die Erwärmung der Erde in den letzten 25 Jahren
hat in Mitteleuropa zu weit reichenden Veränderungen
im ökologischen Gefüge geführt.
Höhere Frühlingstemperaturen und ein früherer
Frühlingsanfang, eine längere Herbstzeit und wärmere
und kürzere Winter stellen die Natur schon heute vor
große Herausforderungen." Und natürlich auch
die Allergiker: Ein früherer Beginn der Heuschnupfenplage,
eine teilweise längere Pollenzeit und höhere Pollenlast
haben die Belastung der Patienten in den letzten Jahrzehnten
erheblich verstärkt.
Auch die Urlaubsgewohnheiten werden beeinflusst. So muss
z. B. der Erlen-Allergiker, der es nach überstandener
Saison Ende März in Deutschland gewohnt war, sich in
den Alpen am Aufblühen von Fauna und Flora in der freien
Natur zu erfreuen, jetzt auch in den Bergen schon ab Anfang
Mai damit rechnen, dass unterhalb der Baumgrenze die grüne
Erle blüht. Die Plage beginnt dann von Neuem.
Auch Kreuzallergien, die sich z. T. erst nach einem Besuch
in einem mediterranen Urlaubsort bemerkbar machen, sind auf
der Tagesordnung. So reagiert der Eschen-Allergiker auf den
Ölbaum in Italien, verursacht der heimische Wacholder
eine Kreuzallergie mit den Zypressen im Mittelmeerraum.
Doch Hilfe gibt es für den geplagten Allergiker natürlich
auch: Eine rechtzeitige Beratung beim allergologisch tätigen Facharzt und eine
spezifische Immuntherapie mit molekular definierten Allergenen
bieten den Betroffenen heute die Chance, den Veränderungen
im europäischen Pollenflugkalender zu trotzen.
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