Sind Sie Allergiker?

Was wünschen Sie sich, um besser gegen Ihre Allergie gewappnet zu sein?

Lesedauer: ca. 6min

Hyposensibilisierung: „Am besten sofort“

Experteninterview mit HNO-Arzt Dr. med. Jochen Huverstuhl, München

Sonne satt und kein Regentropfen weit und breit – der Sommer 2018 hatte es in sich. Allergikern machte die Pollensaison in diesem Jahr allerdings extrem zu schaffen. Die Hitzewelle bescherte über Wochen optimales Pollenflugwetter. Und schon im Frühjahr breiteten sich Blütenstaubteppiche über Wiesen, Straßen und Autos. Erst jetzt im Herbst können die meisten Allergiker wieder aufatmen. Dafür leiden jetzt wieder verstärkt die Hausstauballergiker. allergiecheck hat dazu mit dem HNO-Arzt Dr. med. Jochen Huverstuhl aus München gesprochen. Im Interview rät er, die Ursache der Allergie mit einer Hyposensibilisierung beim Schopf zu packen– und zwar am besten sofort.

Die Pollensaison 2018 war extrem. Wie kommt das?

"2018 war tatsächlich rekordverdächtig, was Allergien angeht. Alle paar Jahre, in sogenannten Mastjahren, produzieren manche Baumarten exorbitant viele Pollen. In diesem Jahr gehörten dazu Birken, außerdem Tanne, Kiefer, Hainbuche, Buche und besonders die Fichte. Das machte vielen Heuschnupfenpatienten schon ab März zu schaffen. Ab Mai war es dann durchgehend sonnig und trocken. Wenn der Regen aber ausbleibt, haben Allergiker ein Problem, da die Pollen nicht in der Kanalisation bzw. im Wasserkreislauf verschwinden, sondern sich auf allen Oberflächen ablagern und durch jeden Windstoß wieder aufgewirbelt und eingeatmet werden. Hinzu kommt, dass die allergische Reaktion ja auf den Schleim- und Bindehäuten auftritt und nicht auf der äußeren Haut. Das Schutzsystem bzw. die Barriere der Schleim- und Bindehäute besteht aus einem wässrigen System und wir wissen alle, dass Wasser nun einmal verdunstet. Die heiße trockene Luft führt also zu einer Schwächung des natürlichen Schutzes der Schleimhäute, die Allergene können ungehindert in die Zellen eindringen und dort zu verstärkten allergischen Reaktionen führen. Die klimatische Trockenheit führt also zu einer höheren Pollenbelastung und gleichzeitig zu einer Schwächung der mechanischen Abwehr der Schleim- und Bindehäute."

Was raten Sie Pollenallergikern, die in Ihre Praxis kommen?

"Tatsächlich leidet der Großteil meiner Patienten unter mehreren Allergien, wie z.B. unter Baumpollen-, Gräserpollen- und/oder Hausstaubmilbenallergie. Grundsätzlich rate ich diesen, die Ursache ihrer Allergie am Schopfe zu packen und eine Hyposensibilisierung zu starten. Man kann mit einer präzisen Diagnostik, die neben dem Pricktest auch eine Bestimmung der spezifischen allergischen Antikörper im Blut (IgE) beinhalten sollte, sehr genau die Hauptallergene identifizieren und für nahezu jeden Allergiker die passende Therapie bestimmen. Dafür ist aus meiner Sicht der beste Zeitpunkt absolut jeder Zeitpunkt, man kann sogar mitten in der Pollensaison mit einer Hyposensibilisierung beginnen. Dass man nur im Herbst beginnen könne, ist also nicht mehr zeitgemäß. Da aber nun einmal der Herbst Einzug gehalten hat, ist natürlich immer noch jetzt ein sehr günstiger Zeitpunkt für Pollenallergiker mit der Therapie zu beginnen. Allerdings schieben leider auch viele Patienten den Arztbesuch und die Therapie auf die lange Bank: Sind die Pollen weg sind die Beschwerden weg und die Motivation sehr oft leider auch. Sehr verständlich und nachvollziehbar, aber trotzdem nicht wirklich sinnvoll. Die Hyposensibilisierung ist und bleibt die einzig kausale und langfristig wirksame Therapie der Allergie."

Kommen jetzt im Herbst wieder vermehrt Hausstaubmilbenallergiker zu Ihnen?

"Ja, bzw. viele Patienten, die noch nicht wissen, dass sie Hausstaubmilbenallergiker sind. Die Beschwerden bei trockenen Schleimhäuten, einer Erkältung und einer Hausstaubmilbenallergie sind sehr ähnlich. Die meisten kommen mit einem lange andauernden „Schnupfen“ in meine Praxis, leiden aber tatsächlich unter einer Allergie gegen Hausstaubmilben. Für den Betroffenen ist es praktisch nicht möglich die Symptome genau zuzuordnen, also, gehen Sie zu Ihrem Allergologen in Ihrer Nähe und finden Sie die Ursache für Ihre Beschwerden heraus.

Zwei wesentlich Dinge unterscheiden die Hausstaubmilbenallergie von der Pollenallergie: Erstens hat der Milbenallergiker gegenüber dem Pollenallergiker ein massiv erhöhtes Risiko ein allergisches Asthma zu entwickeln und zweitens ist die Symptomatik beim Milbenallergiker wesentlich schwankungsärmer bzw. gleichförmiger im Jahresverlauf (im Gegensatz zum Pollenallergiker), daher neigt der Betroffene oft dazu, die Symptome als „normal“ anzusehen. Die Ursache hierfür liegt natürlich darin, dass die Milben das ganze Jahr „arbeiten“, während die Pollen nur ihre zeitlich befristete Saison haben. Wegen des erhöhten Asthmarisikos beim Milbenallergiker ist es allerdings aus allergologischer Sicht umso wichtiger, eine Hyposensibilisierung zu beginnen. Milbenallergiker können sowieso jederzeit mit der Therapie starten."

Haben Sie darüber hinaus noch einen praktischen Tipp für Allergiker?

Jeder Mensch verbringt im Durchschnitt ein Drittel des Tages, 8 Stunden, in einem geschlossenen Raum, im Schlafzimmer. Ich nenne das daher die „3 Filter-Therapie für das Schlafzimmer“: Pollengitter aus dem Baumarkt an alle Fenster, Staubsauger und Raumluftreiniger mit Allergenfilter. Der Milbenallergiker sollte noch sogenannte Encasings für das Bett anschaffen, die Kosten werden auch von vielen Krankenkassen erstattet. Wer besonders clever ist, schafft sich ein Kombigerät aus Raumluftreiniger und Raumluftbefeuchter an, da die oben erwähnte trockene Luft auch im Winter ein erhebliches aber meist unterschätztes Problem ist. Ich kann allerdings nicht oft genug wiederholen, dass die mit Abstand wichtigste und effektivste Therapie die Hyposensibilisierung ist und bleibt."

Was versteht man unter einer Hyposensibilisierung?

Bei Allergikern reagiert das Abwehrsystem des Körpers auf eigentlich harmlose Substanzen. Sogenannte T-Zellen bekämpfen hier wie eine überengagierte Schutztruppe auf diese Eindringlinge. Durch den kontinuierlichen Kontakt der T-Zellen mit den fälschlicherweise als bösartig eingestuften Allergenen kann dieser pathologische Mechanismus durchbrochen werden. Mit einer Hyposensibilisierung werden Veränderungen im Immunsystem angestoßen, indem sich der Körper an die Substanz gewöhnt. Es ist eine Art Training – hin zu mehr Toleranz.

 

 

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